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Lügen als Indikator für Intelligenz

20. September 2017 - Wissenwertes

Lügen als Indikator

Wir tun es alle. Angeblich im Durchschnitt 200 Mal am Tag: Lügen. Es bedarf dabei einer gewissen Empathie- die Fähigkeit, sich in den Anderen hineinzudenken und die Fähigkeit, eigenes Wissen von Fremden zu unterscheiden, um ihn erfolgreich zu belügen. Das schaffen Kinder erst mehr oder weniger versiert ab einem Alter von zwei bis vier Jahren. Die Gegebenheiten müssen zum eigenen Vorteil manipuliert, Informationen verknüpft und Spuren verwischt werden. Dies ist eine kognitive Höchstleistung und im Kindesalter ein Indikator für ein weit entwickeltes Gehirn. Wissenschaftler gehen sogar so weit, anzunehmen, dass die frühzeitige Fähigkeit, zu lügen, einen erfolgreichen beruflichen Werdegang umso wahrscheinlicher macht.

Was ist überhaupt eine Lüge?
Die klassische Lüge stellt eine Form der absichtlichen Täuschung dar. Am häufigsten werden dabei die sogenannten defensiven Lügen genutzt. Das sind Schutzbehauptungen, die einen Schaden von der eigenen oder anderen Personen abhalten sollen. Da der Lügner in diesen Situationen regelmäßig mehr oder weniger in Bedrängnis ist, steht er in dieser Situation unter besonders starkem Stress. Beim offensiven Lügen geht es  dem Lügner um eine Vorteilsverschaffung, den man mit Hilfe der Wahrheit nicht erzielt hätte. Besonders häufig und im professionellen Umfang finden wir diese Form der Lüge in der Geschäftswelt wieder und erfordert ein hohes Maß an Konzentration. Bei der Aufdeckung solch einer Lüge entsteht dem Lügner ein verhältnismäßig geringer Schaden und das innere Konfliktpotential ist sehr gering. Sogenannte „White lies“ werden gerade nicht verwendet, um zu betrügen, sondern um emotionale Betroffenheit bei seinem Gegenüber zu vermeiden oder die Aufregung um einen Sachverhalt zu begrenzen. Zuletzt ist noch die Verlegenheitslüge zu nennen, um die eigene Peinlichkeiten in Grenzen zu halten.

Neben der klassischen Lüge gibt es auch noch die Halbwahrheiten. Hier vermischen sich wahre Sachverhalte mit unwahren oder es werden Informationen einfach weggelassen. Je nach Grad der Verzerrung der Wahrheit, kann sich so über einen Sachverhalt ein völlig anderes Bild ergeben. Auch die bewusste Irreführung, bei der zwar die Wahrheit gesagt, aber so dargestellt wird, dass der Andere einen falschen Eindruck erhält, fällt in diese Kategorie („Ich war schon um neun Uhr zu Hause“…wo ich mich schnell noch für mein außereheliches Date umgezogen habe.) So schrieb der US amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder treffend: „Jede halbe Wahrheit ist eine dreiviertel Lüge“.

Lügen im Alltag
Bei der Anzahl der kleinen und großen Lügen, unterscheiden sich Männer nicht wesentlich von Frauen, wohl aber bei den Gründen. Mit dem häufig größeren Bedürfnis nach Harmonie, lügen Frauen Andere an, um Verletzungen zu vermeiden oder machen falsche Komplimente. Männer hingegen lügen öfter, um die eigene Person in ein besseres Licht zu rücken oder um sich berufliche oder private Vorteile zu sichern. Forscher haben herausgefunden, dass man morgens die besten Chancen hat, von seinem Gegenüber die Wahrheit zu erfahren. Demzufolge nimmt dann die persönliche Moral im Laufe des Tages ab.

In unserem Alltag wird zum Glück häufiger die Wahrheit gesagt, als gelogen. Im Grunde wollen wir an das Gute im Menschen und an eine gerechte Welt glauben. Unserem Gesprächspartner Vertrauen gegenüber zubringen, ist auch ein elementares, menschliches Ordnungsprinzip, ohne dessen Vorhandensein der private und berufliche Austausch praktisch unmöglich wäre. Die Wirtschaftswissenschaftler Picot, Reichwald und Wiegand definieren Vertrauen als „freiwillige Erbringung einer riskanten Vorleistung unter Verzicht auf explizite vertragliche Sicherungs- und Kontrollmaßnahmen (…)“.

Trotzdem sind Lügen allgegenwärtig. Mit mehr oder weniger folgenreichen Konsequenzen.
Eine schwerwiegende, geschickte Lüge erfordert generell einige Anstrengungen sowie entsprechende Konzentration; auch geübte Lügner befinden sich ein einem ständigen Konflikt zwischen der Wahrheit und der Lüge. Da zudem die Möglichkeit besteht, entlarvt zu werden, ist Lügen auch immer mit Stress verbunden. Zeigt Ihr Gesprächspartner an bestimmten Stellen während einer Konversation unbegründet typische Stresssymptome, könnte das ein Anzeichen für seine Unaufrichtigkeit sein. Im sprachlichen Bereich zeigt sich das durch eine erhöhte Stimmlage, längere Denkpausen und Wiederholungen. Ebenfalls nimmt entgegen der landläufigen Meinung, die Gestikulation ab, wenn Jemand lügt. Die Ursache liegt wiederum in der Konzentration auf die Geschichte und weil Lügner instinktiv befürchten, sich durch übertriebene Gestik zu verraten.

Die Wahrheit ist immer sehr facettenreich; die Lüge eher schlicht, weil mit zunehmenden Detailreichtum die Merkfähigkeit des Lügners strapaziert wird, jedoch ist der Vortrag zumeist sehr flüssig, da die Lüge bereits im Vorfeld gut durchdacht wurde. Zweifeln Sie also an der Aufrichtigkeit Ihres Gegenübers, stellen Sie möglichst viele, unerwartete, aber interessierte Detailfragen, da offensichtliches Misstrauen bei dem Kommunikationspartner eine ähnliche Reaktion hervorrufen würde. Auch ein zeitweiser Themenwechsel kann hilfreich sein, um anschließend die Version noch einmal zu hören und mögliche Widersprüche zu identifizieren. Offene Fragen eignen sich eher als geschlossene und auch zeitweises Schweigen hilft, bei dem vermeintlichen Lügner zusätzliche Nervosität und Stress zu erzeugen.

Berühmte Hochstapler
Ob wir wollen, oder nicht: für besonders geschickte Betrüger entwickeln wir durchaus Sympathien. Insbesondere, wenn Ihre Opfer über Geldmangel nicht klagen müssen. So sah sich Jürgen Harksen als moderner Robin Hood, der mit seinen Versprechungen von 1.300 Prozent Gewinn den Reichen das Geld aus der Tasche zog. Da er die erbeuteten Millionen nutzte, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren, mochten die Richter nicht an seine guten Vorsätze glauben.

Der ehemalige Chef der Technologiebörse Nasdaq, Bernhard Madoff, prellte Anleger auf der ganzen Welt mit einer astronomischen Schadenhöhe von 65 Milliarden Dollar und löste damit ein Erdbeben in der Finanzwelt aus. Die Medien verliehen ihm daraufhin den Ehrentitel „Der große Madoff“.
Viktor Lustig aus Böhmen verkaufte den Eiffelturm gleich mehrfach und Dr. Dr. Clemens Bartholdy, leitender Oberarzt einer Psychiatrie entpuppt sich aus purem Zufall als der psychisch vorbelastete Gerd Postel, dessen tatsächlich erlernter Beruf, dem Namen nach treffend der des Postboten war.
Allen diese Betrüger ist eine überdurchschnittliche Intelligenz, Nervenstärke und Menschenkenntnis gemein. Wahrscheinlich wären sie auf legalem Wege ebenfalls zu einem enormen, beruflichen Erfolg gelangt und nicht in staatlichen Gefängnissen. Trotzdem haben sie uns im großen Stil bewiesen, was wir aus persönlicher Erfahrung bereits wussten: eine Lüge kann manchmal sehr viel schöner und aufregender sein, als die Wahrheit.


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