Blog & Service

Die Sache mit dem Sommerloch

20. September 2017 - Wissenwertes

Die Sache mit dem Sommerloch

„Sommerloch“ ist nicht nur eine Gemeinde in Bad Kreuznach, sondern ebenfalls ein Phänomen, das die Medien jedes Jahr aufs Neue vollkommen unvorbereitet ereilt: Die nachrichtenärmste Zeit des Jahres. Keine Bundesliga, weite Teile des wirtschaftlichen Lebens befinden sich in den Ferien und selbst die Politik verharrt ausnahmsweise sogar offiziell im Nichtstun.

Diese thematischen Mangelerscheinungen fördern regelmäßig skurrile Geschichten an den Tag, die uns zwar nicht klüger machen, aber zumindest amüsieren.

Im Sommer 1982 quäkt ein Geist namens „Chopper“ in einer Regensburger Zahnarztpraxis aus dem Spucknapf „Mach´s Maul auf“. Daraufhin beschäftigen sich professionelle Abhörspezialisten, Parapsychologen und Polizisten mit dem Spuk. Erst ein Sondereinsatzkommando des LKA kommt dem faulen Zauber in Form einer Zahnarzthelferin und der Gattin des Zahnarztes auf die Spur.

Zu einigermaßen Berühmtheit ist das Sommerloch 1993 gelangt. Hauptattraktion war der Vorschlag eines CSU Hinterbänklers, Mallorca als 17. deutsches Bundesland per Erbpacht zu annektieren. Entsprechend dankbar für solch dummes Geschwätz, greift die für ihre sachliche und gut recherchierte Berichterstattung bekannte Bildzeitung den Vorschlag prompt auf. Nicht ohne entsprechende Nachwehen. Obwohl sich Mallorca seit Jahrzehnten in einer Art deutschem Besatzungszustand befindet, wurden Preise für das neue deutsche „Palmenhausen“ kolportiert, der spanische Botschafter protestiert und die Engländer kündigen bereits an, „um jeden Liegestuhl zu kämpfen“. Selbst das spanische Königshaus sieht sich gezwungen, zu intervenieren. Als die Bildzeitung zum Ende des Sommers einlenkt und mangelnde Ernsthaftigkeit der Berichterstattung einräumt, kann die drohende europäische Krise gerade noch abgewendet werden. Andere, unnötige Berichterstattung war in diesem Sommer bestenfalls eine Randnotiz, etwa, dass die Porno Queen Cicciolina mit den Blättern des Gingko-Baumes masturbiere oder Andre Agassi Bettnässer sei.

Ebenfalls gerne von verzweifelten Sommerloch Medien Mitarbeitern herangezogen: dramatische oder herzzerreißende Geschichten aus der Tierwelt.

1994 möchte Jörg Cars seinem jungen Brillenkaiman Sammy eine Abkühlung im Baggersee verschaffen. Das possierliche Tierchen entwischt jedoch der Hundeleine und versetzt die Medien landesweit in helle Aufregung. Sogar der Tagesschau ist Sammy einen Bericht wert. Die Behörden reagieren mit einem Großangriff auf die „Bestie vom Baggersee“, die aufgrund seines Alters nicht fester zubeißen kann als ein Dackel. Der Strand wird geräumt, Brunftrufe initiiert, Köder sowie Schleppnetze ausgelegt und Polizisten gehen nachts mit großkalibrigen Gewehren auf die Pirsch. Letztendlich fängt ein Sporttaucher das völlig entkräftete Tier mit der bloßen Hand.

2001 frisst der Killerwels Kuno angeblich einen an seinem Tümpel in Mönchengladbach herumlungernden Dackel und sich somit durch die verschiedenen Medien. Daraufhin melden sich amerikanische Reporter am Sitz des Gärtners, das spanische Fernsehen möchte Bilder erwerben und selbst australische Zeitungen drucken korrespondierende Meldungen.

2002 warnt ein Schild „Vorsicht, Lebensgefahr!“ vor dem Ungeheuer von „Loch Dornach“ und verunsichert die Badenden. Gewarnt wurde hier vor der Geierschildkröte Eugen, die eine Woche nach ihrer ersten Sichtung von einem jungen Mann, offensichtlich unter Einsatz seines Lebens, händisch gefangen wurde.

2006 wird Braunbär Bruno entgegen breiten Widerstand in der Bevölkerung zum Abschuss freigegeben. Wochenlang wurde er im Grenzgebiet zwischen Bayern und Österreich immer wieder gesichtet und gewinnt an Sympathien, auch, weil er selbst einem finnischen Bärenjäger Team mit Hunden häufig entkommen kann. Doch die Bayern haben ja bereits lange zuvor schon den Braunbären erfolgreich ausgerottet und auch diesmal nicht versagt. Heute ausgestopft, steht er im Museum für Mensch und Natur.

Dieses Jahr gehörte allerdings auch der Trauerschwänin Petra, die sich unsterblich in ein schwanenförmiges Münsteraner Tretboot verliebte und damit das Augenmerk der gesamten Weltpresse auf die beschauliche Stadt in Westfalen zog. Jahrelang war das ungleiche Paar unzertrennlich und bescherte dem findigen Münsteraner Stadtmarketing willkommene Merchandising Einnahmen, die fortan die Stadt überschwemmen; Es wird sogar darüber diskutiert, den schwarzen Schwan in das Stadtwappen aufzunehmen. Zum Jahreswechsel 2009 flieht Petra völlig entkräftet ins nahegelegene Osnabrück und wird in einer Vogelschutzstation aufgepäppelt, während in Münster Suchgruppen gebildet und Experten befragt werden. Als eine Journalistin einen Zusammenhang zwischen den Tieren herstellt, verlangt Münster die Herausgabe von Petra. In Osnabrück lehnt man jedoch ab; offensichtlich habe man in der Nachbargemeinde versäumt, den Schwan in ein bei den eisigen Temperaturen Winterquartier zu überführen und wurde dann noch dem Sylvester Stress ausgesetzt. Nun hat Petra dann auch in Form eines echten Schwanes eine hoffentlich zukunftsträchtigere Liebe in Osnabrück gefunden.

2009 berührte uns dann wieder eine Romanze ohne Happy End. Ein Brillenpinguin namens Sandy wählt sich ihren Tierpfleger Peter als Partner fürs Leben. Zehn Jahre weicht sie ihm nicht von der Seite, bis Peter für mehrere Monate erkrankt. Leider verstirbt der von Sandy neu erwählte Pinguin Partner und Sandy hat die Liebe für ihren mittlerweile zurückgekehrten „Ex“ wiederentdeckt. Derweil beschäftigt man sich in den USA ebenfalls mit schrägen Vögeln der anderen Sorte. Dort führt Pinguin Harry eine homosexuelle Beziehung zu einem Artgenossen namens Pepper. Nach sechsjähriger Beziehung verlässt Harry seinen Partner, um fortan mit seiner Artgenossin Linda durch dick und dünn zu gehen, respektive zu watscheln und löst dadurch fast politische Diskussionen aus. Die Kalifornische Gay- Community ist entsetzt und wirft den Protagonisten selbstsüchtiges und unethisches Verhalten vor. Linda, so heißt es, habe Harry seinem Lebensgefährten „ausgespannt“, während dieser sich von der Tatsache leiten ließ, dass Sandy als Chefin der Kolonie gleich zwei Nester besäße. Währenddessen sehen sich fundamentale Christen ihrer Ansicht bestätigt, dass „die Natur heterosexuelle Partnerschaften den Vorzug gäbe“.

Der Sommer 2014 kann da schon mit ernsteren Themen aufwarten: Gut zwei Dutzend Mann nehmen an einer Ballspiel WM teil und im Ergebnis sind „wir“ Weltmeister. Dabei ist mir fast entgangen, dass am anderen Ende der Welt sich ein Staat gegen den Anderen zur Wehr setzt, oder, je nach Sichtweise, genau umgekehrt. Wobei beide Kontrahenten bestreiten, das es sich bei dem jeweils Anderen um einen rechtmäßigen Staat handelt.

© SimpleFilm | Sommerloch

Rückruf vereinbaren