Das Fernsehen wird zur gefährdeten Spezies

TV gefährdete Spezies

Es war über viele Jahrzehnte das Leitmedium schlechthin: das Fernsehen. Diese bewegten Bilder haben über Generationen die Massen begeistert. Seit Beginn der Ära des Privatfernsehens sogar rund um die Uhr auf unzähligen Sendern.

Bei sowohl unendlicher Sendezeit als auch wachsender Konkurrenz fällt es schwer, dem verwöhnten Zuschauer Neues zu bieten und treffsicher ging so mancher Programmchef dazu über, an die niedersten Instinkte wie Schadenfreude und Neid seines Publikums zu appellieren.

Lange wurde vermutet, der Bodensatz sei längst erreicht. Weit gefehlt! Dieser Tage quälen uns nicht nur Laien Darsteller in unzähligen vermeintlichen Pseudo Reality Dokus oder peinliche Telenovelas. Den Machern von „Bauer sucht Frau“ prophezeite Stefan Raab den „Abstieg in die ewige Finsternis“ für die öffentliche, intime Zurschaustellung naiver Privatpersonen. Hier hilft für den Fall, dass die Protagonisten sich nicht aus eigenem Antrieb der Lächerlichkeit preisgeben, ein Drehbuch nach. Übrigens: Nachfolger dieser Sendung war „Schwiegertochter gesucht“.

Zeitweise konnten wir uns noch in das öffentlich rechtliche Programm flüchten. Aber auch, wenn ein gewisses Maß an Misstrauen ebenso an dieser Stelle schon lange überfällig war, verleitete die Hoffnung leidgeplagter Zuschauer zu diesem drastischen Schritt. Was sie dann dort fanden, fasste der Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert in seiner Rede zur Konstituierung des 17. deutschen Bundestages im Jahr 2009 mal „ganz vorsichtig“ zusammen:

„Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, nach manchen Beschwerden, Debatten, Verhandlungen der letzten Legislaturperiode möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass eine Übertragung der Konstituierung dieses Deutschen Bundestages im Hauptprogramm der öffentlich- rechtlichen Fernsehanstalten nicht stattfindet. Im Mittelpunkt des Vormittagsprogramms der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands steht heute Morgen die TV- Komödie Schaumküsse. Das Zweite Deutsche Fernsehen bringt statt einer Übertragung dieser Sitzung die 158. Folge der Serie Alisa- Folge deinem Herzen, gefolgt vom 36. Kapitel der Serie Bianca- Wege zum Glück. Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch ich folge meinem Herzen und nenne diese Programmentscheidung ganz vorsichtig im wörtlichen Sinne bemerkenswert. Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass ein gebührenpflichtiges Fernsehen, das dieses üppig dotierte Privileg allein seinem besonderen Informationsauftrag verdankt, auch an einem Tag wie heute mit einer souveränen Sturheit der Unterhaltung Vorrang vor Information einräumt (…)“

Es verwundert also nicht, dass die Zahl der Totalverweigerer langsam aber beständig wächst. Grund genug für den Kommunikationswissenschaftler Peter Sicking, dieses Thema für eine Studie an der Wilhelms Universität anlässlich seiner Doktorarbeit aufzugreifen. Im Ergebnis handelt es sich bei dem Großteil dieser Gruppe um Abiturienten und Akademiker die trotzdem oder gerade Deswegen besser über aktuelle Geschehnisse informiert sind als die Fernsehgemeinde. Aber auch die wird zunehmend kritischer, selektieren stärker oder investieren ihre Zeit anders. Die Verweildauer auf dem heimischen Sofa vor dem Fernseher sinkt, insbesondere bei der Hauptzielgruppe der 14 bis 49- jährigen. Und die GEZ reagiert gereizt, führt die Haushaltsabgabe unabhängig vom Vorhandensein eines Fernsehgerätes ein und gibt unverblümt zu, man sähe Handlungsbedarf, um der Erosion bei den Gebühreneinnahmen entgegenzuwirken.

Viele Stimmen behaupten, das Fernsehen habe seine Zeit als Leitmedium längst überschritten und den Wettbewerb zum Internet verloren. Aus gutem Grund: das Internet kommt der heterogenen Welt der Mediennutzer entgegen. Unabhängig von Zeit und Ort bietet es jedem Nutzer die Möglichkeit, Inhalte ganz individuell und gezielt auszuwählen. Entsprechend ist das Wachstum bei dem Konsum von Internetvideos. Gaben laut einer Studie der dmxco zur Mediennutzung im Jahr 2008 noch 33% der Befragten an, Internetvideos zu schauen, waren es im Jahr 2013 rund 56%.
Personalisiert, Pluralistisch, Praktisch

Mal abgesehen von den unzähligen Mediatheken und werbefreien Spielfilmangeboten, bieten Internetvideos einen breiten Nutzen an verständlichen Gebrauchsanweisungen, Tutorials, Erklärvideos für komplexe Sachverhalte oder sind schlichtweg unterhaltsam. Da ein standardmäßiger „Sendeplatz“ wie Vimeo oder Youtube kostenfrei ist, klicken wir uns so durch Informationen über das Zeitgeschehen und bekommen Informationen über Unternehmen und ihre Produkte, die ihr Geld nicht in Fernsehwerbung investieren wollen oder können. Wie das ganz einfach funktioniert, erfährt der Benutzer praktischerweise auch in einem Erklärfilm. Zudem bieten uns die Betreiber entsprechend unseres Nutzerverhaltens und Interessenlagen praktische Empfehlungen für weiterführende Inhalte.

Ich selbst habe weitestgehend meinen kompletten Bewegtbild Konsum ins Internet verlagert und unterziehe mein Fernsehgerät eher gelegentlichen Funktionstests. Diese Entscheidung habe ich nie bewusst getroffen, auch berufliche Aspekte spielten eher eine untergeordnete Rolle. Die Vorteile des flexiblen, unzensierten Internetvideos haben an dieser Stelle einfach überwogen. Aber da auch jedes Medium eine zweite Chance verdient, schauen wir doch einfach einmal nach, welche Highlights ich verpasse, während ich diese Zeilen schreibe:

Das Erste: Sturm der Liebe (Telenovela)
ZDF: Die Rosenheim Cops (Krimiserie)
3Sat: Kölner Treff (Talkshow)
RTL: Die Travotas- Detektive decken auf
RTL II: Frauentausch (Dokusoap)
Sat1: Auf Streife (Dokusoap)
Vox: Hilf mir doch (Scripted Reality)
Pro7: How I met your mother (Sitcom)

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